ESG Blog

Aktuelle Trends: Grüne Finanzierung als Belohnungstool

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NIU answers ESG Blog: Energie, Forschung
13. Februar 2026
Christian Richter-Schöller

Grüne Finanzierung wird 2026 zum Regelinstrument

Grüne Finanzierung ist 2026 kein Sonderinstrument mehr. Sie ist Bestandteil regulärer Unternehmensfinanzierung und wirkt sich unmittelbar auf Konditionen, Struktur und Verfügbarkeit von Kapital aus. Maßgeblich sind dabei nicht neue Gesetze oder die Streichung solcher („Omnibus“), sondern bankinterne Risikosteuerung, Investorenanforderungen und die zunehmende Standardisierung nachhaltiger Projekte.

Finanzierer bewerten Investitionen danach, ob sie langfristig stabil, effizient und risikoarm sind. Hoher Energieverbrauch, volatile Kostenstrukturen und risikoreiche Lieferketten gelten als finanzielle Risiken und werden entsprechend eingepreist. Umgekehrt erhalten Projekte mit klaren Effizienz- und Stabilisierungseffekten günstigere Finanzierungskonditionen. Nachhaltigkeitsbezogene Finanzierung ist damit ein Instrument ökonomischer Bewertung.

Standardisierung macht grüne Finanzierung massentauglich

Neu ist 2026 vor allem die praktische Breite. Grüne Finanzierungen sind erstmals auch für kleinere Volumina wirtschaftlich sinnvoll. Ursache ist die zunehmende Standardisierung. Musterverträge, vereinfachte Prüfprozesse und aktualisierte Auslegungshilfen auf EU-Ebene haben Transaktionskosten deutlich reduziert. Grüne Kredite verlieren damit ihren Projektcharakter und werden zu Serienprodukten.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Immobilienbereich. Neubau- und Sanierungsprojekte lassen sich 2026 regelmäßig taxonomiekonform strukturieren und finanzieren. Energieeffiziente Neubauten, thermische Sanierungen, Umstellungen der Energieversorgung oder Investitionen in Gebäudetechnik folgen klar definierten technischen Kriterien. Diese Projekte sind vergleichbar, prüfbar und für Banken bei pragmatischer Herangehensweise und unter präziser Auslegung der zugrundeliegenden Kommissions-FAQ verhältnismäßig einfach zuzuordnen. Grüne Finanzierung ist hier die naheliegende Struktur.

Finanzierungen knüpfen dabei an konkrete Projektparameter an. Energiekennzahlen, Investitionsumfang und bauliche Standards fließen in Margen, Laufzeiten und vertragliche Bedingungen ein. Nachhaltigkeit wirkt damit nicht über Kommunikation, sondern über Vertragsmechanik.

2026 als Wendepunkt der Kapitalstruktur

2026 markiert insofern einen Übergang. Grüne Finanzierung ist kein Zusatz mehr, sondern die bevorzugte Form für planbare Investitionen. Unternehmen, die standardisierte, finanzierungsfähige Projekte vorweisen können, sichern sich bessere Konditionen und schnelleren Kapitalzugang. Unternehmen ohne entsprechende Projekte tragen höhere Finanzierungskosten.

Der EU Clean Industrial Deal konzentriert sich auf Ziele bis 2030. Grüne Finanzierung ist im Unterschied dazu aber nicht 2030, sondern 2026.

(Richter-Schöller, Aktuelle Trends: Grüne Finanzierung als Belohnungstool, NIU 2026/7)


Christian Richter-Schöller ist Partner bei Schiefer Rechtsanwälte. Er berät zu resilienten Lieferketten, nachhaltiger Finanzierung, Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft. Er ist Vortragender an der Wirtschaftsuniversität Wien, Herausgeber des Praxishandbuchs „Lieferketten“ (2025) und Gründungsmitglied österreichischer und internationaler ESG-Netzwerke.